Der CEO Spricht: „III!“

Im Grunde fiele ihm immer etwas ein; doch in der Sache sei er sprachlos gewesen (was bei unserem CEO ein Eupehmismus ist; Anm. d. Red.). Welche Sache das sei, wollte er zunächst nicht herausrücken. Es gebe unendlich viele Sachen, die so nicht möglich sein dürften; die Verhältnisse würden immer verworrener und vernebelter, was die Absicht ‚interessierter Kreise‘ sei. Das Ziel: Die Resignation der weichgekochten Masse(n), auch wenn dieser Begriff aus der Mitte des leider immer noch nicht gründlich vergangenen Jahrhunderts heute gemieden werde. Als solche würden sie, der Bürger, aber nun einmal behandelt; als etwas Feindliches, dem man wehrhaft gegenüber treten müsse; als etwas Lästiges, dem man mit Schikane begegnen müsse.

Ist dem so? Tatsächlich, bei einigem Nachdenken, nach Rekapitulation nur der letzten Wochen und Monate, maximal letzten paar Jahre wird einem klar, dass unser CEO vollkommen richtig liegt. Die allgemeine Erschöpfung der Menschen ist ein Ziel des digitalen Kapitalismus, der durch Schaffung proprietärer Märkte zum einen Abhängigkeit zum eigenen Vorteil kreiert, zum anderen nicht hält, was er großmäulig – nicht nur in der Werbung – verspricht. Das Verfahren ist inzwischen derart zur ‚Norm‘ verkommen, dass nicht nur ein Präsident eines Staates mit einem guten halben Hundert Staaten im Staate sich auf diese Weise ins Weiße Haus hat wählen lassen können. Nein, diese infame Technik – von schlichten Geistern als Populismus gebrandmarkt – wird inzwischen mehr oder weniger schleichend allenthalben praktiziert, weil man dank des ‚Vorreiters‘ nun Gewissheit ob des Funktionierens dieser Masche hat. Und die Praktiker*innen scheinen allen Ernstes zu glauben, dass die Welt so doof (mit anderen Worten: einfach gestrickt; Anm. d. Red.) wie sie seien und widerstandslos hineinfielen auf dieses manipulative Treiben.

Irre sei die Welt geworden, total irre. Die Französischen Nachbar*innen seien wohl die ersten, die diesem Treiben offen tatenlos zuschauen wollen. Sie gehen in Scharen nicht etwa wählen, sondern überließen den wenigen verbliebenen Wähler*innen die Entscheidung über die Zukunft gemäß obsoleten parteipolitischen Gesetzmäßigkeiten. Dass diese sich aus dem Hort der ultrakonservativen Unbeweglichkeit rekrutierten, sei ihnen offenkundig und vollkommen erschöpft ebenso egal. Das ist der seit langem angestrebte neoliberale Idealzustand der Massen, die mühsamst und aufwändigst zu willfährigen Konsument*innen erzogen worden seien und ihre Freiheit vermissten, sobald sie dieser Freude nicht mehr nachgehen könnten. Und als „Querverwirrtherumhirnende“, was mit Denken rein gar nichts mehr zu tun habe, sondern mit einer Art unstrukturierter Hirnstromhyperaktivität ohne Produktion klarer Gedanken, irrten sie nun durch die Städte, sich zuweilen zu demonstrativen Ballungen versdichtend, wo wirre Einzelwesen endgültig den Glauben an eine Gemeinschaft ausgerechnet kollektiv verlieren. Da besinnt sich ein Trupp des „Neuen Normalen“ und erfährt unfassbaren Zulauf, während sich der politische Rest selbst zerlegt und dem Zerfall anheimfällt. Wohin wird diese Melange führen?

© VG Wort, 2021.

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